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Ich bin deprimiert.

2013
08.31

Beleidigt, gedemütigt und deprimiert. Und hätte ich gestern den Chili- statt den Ham-burger gegessen, hätte ich auch noch Burnout.
Kann mal jemand diesen Rasern auf ihren Pedelecs sagen, dass es einfach unanständig ist, ständig mit 25 km/h normale Muskelschaffende, wie ich einer bin, bergauf zu überholen und bergab nicht vorbei zu lassen!
So was macht man einfach nicht.
Früher wäre ich ins Kloster gegangen, wenn mich jemand mit Hut auf einem Reiserad bergauf versägt hatte. Heute, wo die alle mit Strom fahren, hat man als Selbstfahrer einfach keine Orientierung mehr. Das zehrt am Gemüt und geht an die Substanz, von der habe ich heute allerhand verbraucht. Und das kam so:
Wer behauptet eigentlich immer, Holland sei flach? Also, äh, topografisch gesehen. Das ist einfach nicht wahr, jedenfalls, wenn man das, wo ich heute lang gefahren bin, noch zu Holland zählt. Denn wenn man diesen Nordseeküstenradweg fährt, wie ich das heute gemacht habe, herrscht ein ständiges Hoch und Runter. Hoch immer gerade soweit, bis die Brillengläser beschlagen sind und in der Abfahrt bekommt man keinen Schwung, weil abwechselnd deutsche Radgruppen, Hunde mit 20 Meter langen Leinen oder Pedelecfahrer im Weg sind.
Nördlich von Den Haag beginnt er, der Weg durch die Dünen. Die Dünen sind wirklich schön. Alle. Auch die, an denen ich nicht vorbei gefahren bin. Und ich bin an vielen Dünen vorbei gefahren. Und alle waren sie schön, die Dünen. Dass die Dünen schön sind, hatte ich nach fünf Kilometern begriffen. Warum dieser Fernweg dann über fünfzig Kilometer durch die wirklich wunderschönen Dünen geht, begreife wer will, mir jedenfalls gingen die Dünen nach fünf Kilometern schon auf den Sa^W/Geist.
Dazu kam noch etwas, aber dazu muss ich etwas weiter ausholen, als es mein kleines Zelt möglicherweise zulässt.
Die älteren unter euch werden sich erinnern, als der HERR seine Puppenstube aufgebaut hatte, merkte er, dass er den Insassen noch ein paar Regeln verpassen musste. Also setzte er sich hin und ritzte alles, was ihm wichtig schien, in die Klotür. Es waren nicht ganz so viele Gebote, wie man sie zum Beispiel heutzutage in einer handelsüblichen deutschen Arztpraxis auf DIN-A4 Blättern in Comic-Sans gedruckt und mit Tesa-Film an die Wände geklebt findet, aber es geht das Gerücht, dass es 42 Regeln waren. Was auch sinnvoll erscheint, weil bekanntermassen 42 die Antwort auf alle Fragen ist. Diejenigen unter euch, die Ostern immer fleißig RTL2 schauen, wissen, was daraus geworden ist. Moses hat den CHEF auf zehn Gebote runter gehandelt („sorry, Leute, Ehebruch hat ER drin gelassen“) und um der Sache überhaut ein Gewicht zu verleihen, hat ER die zehn Gebote in zwei Discount-Grabsteine gelasert. So konnte ER wenigstens seine Klotür behalten. Die restlichen Regeln wurden nie wirksam, was zur Folge hatte, dass in England die Autos auf der falschen Seite fahren, in Deutschland ein Merkel Königin ist und Nazis wählen dürfen. Denkt mal drüber nach.
Lange blieben die restlichen 32 Regeln verschollen. Letztes Jahr jedoch haben Archäologen in Castrop-Rauxel in den Fundamenten einer Seniorenresidenz aus den späten Achtzigern sensationell verwitterte Reste der Klotür Gottes gefunden. Und da stand es drauf, das Gebot 23:
Nie sollst du spotten jenen, denen der Wind, der dich voran treibt, die Nase verbiegt.
Ihr erinnert euch, gestern hielt ich mich für sehr clever in Sachen Hauptwindrichtung und so. Und ich habe gespottet über die armen Menschen im Gegenwind. Die Strafe auf meine Lästerei folgte heute. Unerbittlich, vielfach und schmerzhaft.
Wenn man nämlich Richtung Nord-Nordost fahren muss und ein starker Wind aus Nord-Nordwest weht, hat man die Windarschkarte. Würde der Wind aus 12 Uhr (für die Akademiker: genau von vorn) kommen, könnte ich die Vorteile meiner liegenden Position voll ausspielen und Gegenwind wäre nicht so schlimm. Heute kam der Wind aber überwiegend aus 10-11 Uhr ( für die Akademiker: nicht genau von vorn). Und da steht der Wind auf jeder Fläche des Rades, derer er habhaft werden kann und hemmt das Vorwärtskommen enorm. Dazu das ständige Auf und Ab und die wunderschönen Dünen. Ich jedenfalls habe meine Lektion gelernt und spotte nie wieder über Menschen im Gegenwind.
Positiv sei zu vermerken, dass es nicht geregnet hat. Der Typ, dessen Wetterbericht mir gestern Sorgenfalten auf meine sonnenverbrannte Stirn trieb, sollte den Beruf wechseln. Berliner Großflughafenchef oder so, dazu reicht es wohl noch. Von Wetterprognosen hat der jedenfalls keinen Schimmer. Es war herrlichstes Sonnenwetter, windig, aber warm. Ich versuche mir gerade NICHT vor zu stellen, wenn es heute auch noch geregnet hätte.
Tja, ist ein langer Text geworden heute, aber fahrt ihr mal 50 Kilometer durch schöne Dünen. Das zieht sich und man hat viiiel Zeit zum Nachdenken.
Bis morgen…