Kommentare deaktiviert für Das war’s. Abbruch.

Das war’s. Abbruch.

2014
08.26

Nach nur drei Tagen ist die Reise vorbei.
Dabei war heute morgen noch alles in Butter. Halb sieben hatte ich mich auf den Weg zum Parkhaus gemacht und das Rad geholt. Es war noch da, was mir sehr große Erleichterung verschaffte. Trotz des immer noch strömenden Regens war ich guter Dinge, schwang mich auf meine Hippe und fuhr zurück zum Hotel.
Dort angekommen, musste ich aber feststellen, dass ich den Reißverschluss der Regenjackentasche nicht geschlossen hatte. Kurzum, ich hatte meine Geldbörse verloren. Geld, Papiere, Geldkarten… Weg. Alles.
Ich kann das Folgende im Moment noch nicht beschreiben, ohne schon wieder Herzrasen zu bekommen. Wie ein Bekloppter bin ich den Weg drei mal hin und zurück gelaufen, die Nase in jeder der reichlichen Pfützen am Bordstein. Nix. Weg.
Und als Stimmungskatalysator pisste es unaufhaltsam, was die Luft durch ließ.
Ich kann mich nicht entsinnen, wann ich das letzte Mal dermaßen frustriert war. Der gestrige Tag war schon zum Vergessen, ging aber dann doch einigermaßen relaxt zu Ende. Langsam beschleicht mich das Gefühl, Gent will mich nicht haben. Alles, was die letzten 24 Stunden passiert ist, schreit mir förmlich ins Gesicht: „Komm nicht hier her, bleib weg! Und wenn du trotzdem kommst, wirst du schon sehen, was du davon hast.“ Dieser Eindruck wird noch verstärkt durch eine Episode, zu der ich noch komme.
So, Bestandsaufnahme. Wie gesagt, Geld, Papiere, Karten weg. Der Rest noch da, Telefon voll geladen, Netbook voll geladen und mit kostenlosen Hotel-Wlan versehen. Kommunikation mit der Basis war also gewährleistet. Mails und Anrufe gehen raus, die Rettungsaktion läuft an. Meine Frau lässt die Karten sperren, meine Firma bot mir Sofortexpressüberweisung an, mein Sohn versucht, eine Lösung zu finden, meine Kollegin in Köln sucht nach einer Möglichkeit, mich eventuell abzuholen.
Die Leute im Hotel beruhigen mich, ich bekomme einen Kaffee und diverse Informationen. Zuerst zur Polizei, Botschaft anrufen usw. Die Polizei stellt mir Bescheinigungen aus über den Verlust von Ausweis und Geldkarten. Die deutsche Botschaft ist da weniger hilfreich. Mehr als einen Ersatzpass kann man mir nicht anbieten, abzuholen allerdings nur in Brüssel zwischen 8 und 12 Uhr. Aber immerhin Montags bis Freitags, finde ich durchaus kulant.
Doch die Rettung nahte in Gestalt eines jungen Mannes namens Pieter. Pieter ist ein Freund eines Freundes meines Sohnes.
Ein paar Emails genügten und kurze Zeit später erschien Pieter im Hotel, bezahlte meine Hotelrechnung, brachte mich zum Bahnhof, kaufte mir eine Fahrkarte nach Hamburg, gab mir noch etwas Taschengeld und vermittelte dabei den Eindruck, als wäre das das Normalste von der Welt. Man hofft ja immer, dass einem sowas passiert, wenn man mal tief in der Scheiße steckt, meistens vergebens. Ich glaube, ich muss meine Definition von Dankbarkeit und Glück mal neu kalibrieren.
Ach, ja, zum Thema „Bleib weg“: Im Moment, als Pieter meine Fahrkarte bezahlt hatte, hörte es draußen wie zum Hohn auf zu regnen. Das kann kein Zufall sein. Allerdings ging es nach einer halben Stunde mit voller Breitseite weiter. Der Bahnhof in Gent heisst übrigens Gent-Sint-Pieters. Nomen est Omen.
Aber Gent soll nicht glauben, dass ich aufgebe. Sobald ich meine Fahrerlaubnis wieder habe, muss ich sowieso dahin, Pieter beherbergt ja noch mein Rad, das konnte ich in der Bahn nicht mitnehmen. Und dann schaue ich mir diese Stadt an, ob es Gent nun passt oder nicht. Und ich lass den Touri raus hängen bis der Arzt kommt. Wäre ja noch schöner…